Wasserliesch: Mit 28 Arten eines der 

bedeutendsten Orchideenvorkommen Deutschlands

- Peter Kohns † und Rudolf Schmidt -

Die Orchideen nehmen in unserer Vorstellungswelt einen besonderen Platz ein. Unsere Phantasie führt in jenen Brutkessel des tropischen Regenwaldes, aus dessen Dämmerlicht betörend duftende Blüten, am Gezweig exotischer Bäume rankend, aufleuchten und aus dem die Orichideenjäger einst unter Lebensgefahr die uns so wertvoll scheinende Blumen holten.

Tatsache ist, dass die Orchideen mit ihren über 20 000 Arten in etwa 700 Gattungen die wohl umfangreichste Familie der Blütenpflanzen sind. Sie leben vor allem in den feucht-heißen Gebieten unserer Erde. Der Arten- und Formenreichtum nimmt in den gemäßigten Breiten ab. In Mitteleuropa rechnet man nur noch mit etwa 60 Arten in 27 Gattungen. Es überrascht vielleicht den Laien, dass freilebende Orchideen auch in unserer Heimat vorkommen. Viele davon sind selten und kommen nur in räumlich eng begrenzten Gebieten vor. Dabei dürfte es überraschen, dass die Wasserliescher Fluren mit 28 Arten auf ziemlich eng begrenztem Raum wohl das artenreichste Gebiet in Deutschland. Etwa 20 Arten wachsen davon im Bereich des Naturschutzgebietes Perfeist.Weitere 12 Arten gibt es im Umkreis von 60 Kilometern.

Orchideen sind an ungünstige z.B. trockene Standorte angepasst

Während in den Tropen die epiphytischen Formen überwiegen, die sich auf den Bäumen des Urwaldes angesiedelt haben, handelt es sich bei unseren Orchideenarten ausschließlich um Erdorchideen mit Wurzelstöcken oder -knollen, aus denen, bei günstigen Verhältnissen, jedes Jahr neue Blütenstängel treiben. Da viele Orchideenarten auf Kalkboden vorkommen und dort auf Halbtrocken- und Trockenrasen, sind sie an Wasserknappheit angepasst, indem in den Wurzelstöcken und -knollen Wasser gespeichert werden kann. Daneben gehen die heimischen Orchideenarten eine Symbiose mit einem im Boden lebenden Pilz (Mykorrhiza) ein. Dessen großes Pilzfädengeflecht besitzt eine riesige unterirdische Oberfläche und kann dem Boden noch geringste Mengen an Wasser und Nährsalzen entziehen und der Orchidee zur Verfügung stellen. Dafür liefert die Pflanze dem Pilz dann Nährstoffe, die über die Photosynthese gebildet wurden. 

Die Blüten der meisten heimischen Arten sind klein. In Form einer "Ähre" dicht angeordnet, ergeben sich doch stattliche, auffällige Pflanzen. Will man Sinn und Eigenart der Pflanzen verstehen, muss man die einzelne Blüte genauer betrachten. Dabei zeigt sich, dass der Blütenbau genauso "raffiniert" ist, wie der ihrer tropischen Verwandten und eine Anpassung an ungünstige Standorte darstellt. Im Pflanzensystem gehören die Orchideen zu den Einkeimblättrigen Pflanzen (Monokotyledonae). Die Laubblätter sind paralleladrig. Die Blütenteile sind fast stets in Dreizahl vorhanden. Die zweiseitig symmetrischen Blüten sitzen auf einem unterständigen Fruchtknoten. Zweimal drei Blütenblätter umhüllen in einem doppelten Kreis die Staubblätter und die Narbe. Während die drei Blütenblätter des äußeren und zwei des inneren Kreises annähernd gleich gestaltet sind, unterscheidet sich auffallend von ihnen das mittlere Blütenblatt des inneren Kreises. Es ist zur mannigfaltig geformten und auffällig gefärbten Lippe geworden, die oft in einem mehr oder weniger langen Nektar liefernden Sporn ausläuft. Angezogen durch die Farben, Zeichnungen und den Duft landen blütenbesuchende Insekten auf der Lippe und versuchen den Nektar zu erlangen. Dabei berühren die Insekten das über der Narbe stehende "Säulchen" mit dem einzigen Staubblatt (die übrigen fünf sind verkümmert oder gar nicht mehr vorhanden). Der Blütenstaub wird im Gegensatz zu anderen Pflanzen in zwei keulenförmigen Paketen (Pollinien) übertragen, die mit Hilfe einer Klebscheibe z. B. am Kopf des Insekts haften bleiben. Beim Besuch der nächsten Blüte bleiben die Pollinien auf der klebrigen Narbe haften. Somit ist dafür gesorgt, dass tausende Eizellen im Fruchtknoten befruchtet werden können. Die entstehenden Samen sind winzig klein und bestehen nur aus dem Embryo also ohne Nährgewebe zum Keimen. In einer Samenkapsel des Frauenschuhs befinden sich bis zu 40 000 staubförmige Samen, die vom Wind über große Entfernungen weitergetragen werden können. Wie schafft es ein Samen aber ohne Nährgewebe zu keimen? Ein Samen muss zufällig auf eine offene Stelle treffen und dort muss auch noch das entsprechende artspezifisches Pilzfädengeflecht vorhanden sein. Manche Orchideenarten gehen auch mit der gleichen Pilzart eine Mykorrhiza ein. Die Pilzfäden (-hyphen) dringen dann in den Samen ein und liefern dem Embryo Wasser sowie Nährsalzen und werden dann in tieferen Zellschichten verdaut. Womit der Embryo Nährstoffe zum Keimen erhält und gleichzeitig die Symbiose mit dem Pilz zum Überleben auf einem ungünstigen Standort eingegangen worden ist. Damit überhaupt genügend Samen bei diesen Zufällen keimen können, müssen riesige Samenmengen produziert werden, um die Art zu erhalten.

Damit überhaupt Insekten angelockt werden, produzieren viele Arten Nektar (z.B. im Sporn). Bestimmte Ragwurzarten besitzen besonders "raffinierte" Anlockungsmethoden. Sie produzieren einen Sexuallockstoff von Weibchen bestimmter Insektenarten. Durch diesen Duft werden die Männchen dieser Insektenart angelockt, lassen sich auf der weibchenähnlichen Lippe nieder und versuchen diese zu begatten. Dadurch beladen sie sich dann mit den Pollinien. Bei der Hummel- und der Fliegenragwurz ist es sogar so, dass zuerst die Pflanzen blühen, ehe die ersten Weibchen der entsprechenden Insektenarten auftauchen, so dass die schon früher geschlüpften Männchen immer wieder versuchen, solche Blüten zu begatten und somit für die Bestäubung dieser Ragwurzarten sorgen.

Gefährdung der einheimischen Orchideen

Von den 50 in Rheinland-Pfalz und dem Saarland früher nachgewiesenen Arten sind (nach H. Neumann: Orchideen in Rheinland-Pfalz und im Saarland) inzwischen 6 Arten (12%) ausgestorben, 12 Arten (24%) vom Aussterben bedroht, 16 Arten (32%) stark gefährdet, 8 Arten (16%) sind gefährdet und die restlichen 8 Arten sind potentiell gefährdet. Somit stehen alle unsere einheimischen Orchideenarten unter Naturschutz und dürfen z.B. nicht gepflückt oder ausgegraben werden.

Ursachen für die starke Gefährdung unserer Orchideenarten sind vor allem die Lebensraumzerstörungen. Kalkhalbtrockenrasen oder Magerrasen waren in unserer Gegend früher oft Wiesen, die in Gemeindehand waren (Allmendegebiete) und von allen Gemeindemitgliedern beweidet werden konnten. Dies gilt auch für das Naturschutzgebiet Perfeist in Wasserliesch. Hierdurch waren diese Wiesen immer überweidet und wurden nicht gedüngt. Bei kalkhaltigem Untergrund ist dies ein idealer Standort für viele wärmeliebende lichthungrige Orchideenarten, die gut an diese Bedingungen angepasst sind. Inzwischen werden diese Wiesen jedoch nicht mehr beweidet und verbuschen. Nach einigen Jahrzehnten werden diese Flächen als Folge der natürlichen Sukzession bewaldet sein. Somit verschwinden dann die lichthungrigen wärmeliebenden Arten. Daneben werden durch vermoderndes Gras und andere Pflanzenteile verstärkt Nährsalze produziert, wodurch die Mykorrhiza zwischen dem Pilzgeflecht und den Orchideen nicht mehr funktioniert. Dies ist auch der Grund dafür, dass man keine Orchideen auf intensiv genutzten und gedüngten Flächen findet. Deshalb müssen solche Magerrasengebiete auf denen Orchideenarten vorkommen auch nach den tradionellen extensiven landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsmethoden gepflegt werden, oder es wird gemäht und das Mähgut wird aus dem Gelände gebracht, so dass nicht so viele Nährsalze produziert werden können.

Neben den lichthungrigen Arten, sind die an Feuchtgebiete angepassten Arten besonders stark gefährdet, da Kalksümpfe sowieso nur selten vorkommen und dann häufig auch trocken gelegt wurden.

Leider wird auch festgestellt, dass seltene Arten von Orchideenliebhabern ausgegraben werden und "Orchideentouristen" Schäden beim Fotografieren anrichten. Auch im Orchideengebiet Perfeist sieht man immer wieder solche "Fotosuhlen". Deshalb eine Bitte an alle Freunde seltener Pflanzen: Bewegen Sie sich vorsichtig und umsichtig im Gelände, bleibe sie auf den vorgegebenen Wegen, damit mögliche negativen Auswirkungen unterbleiben. Kultivierungsversuche von ausgegrabenen Exemplaren im eigenen Garten enden fast immer erfolglos, da der Boden zumeist zu viele Nährsalze enthält und der entsprechende Mykorrhiza-Pilz dort nicht wachsen kann.

Literaturverzeichnis